, 3. Februar 2009Brief zum Advent 2008

Wenn du liebst

Wenn du wirklich liebst,
bist du erfinderisch.

Wenn du liebst,
versuchst du zu verstehen,
bist du interessiert.

Wenn du wirklich liebst,
bist du geduldig,

bist du langmütig,
passt du dich an.

Wenn du liebst,
möchtest du geben,
bist du unermüdlich,
selbstlos und großzügig.

Wenn du liebst,
versuchst du,
wirklich zu dienen
und nicht nur zu arbeiten.

Man schon sich selbst nicht,
wenn man liebt …

Anna Dengel

Advent 2008

Liebe Freunde, Wohltäterinnen und Verwandte!

Dieses Jahr beginnt unser Weihnachtsrundbrief mit einem Text unserer Ordensgründerin, Dr. Anna Dengel, einer Tiroler Ärztin. Die Missionsärztlichen Schwestern in Deutschland haben in diesem Jahr dankbar auf 50 Jahre Wirkungsgeschichte zurückgeblickt. Wir freuen uns über dieses Jubiläum und staunen mit Ihnen ber Gottes Geleit und die vielen Menschen, die Teil dieser Geschichte sind.

Nächstes Jahr ist es 40 Jahre her, seit die ersten Schwestern das Krankenhaus mit viel Enthusiasmus und ein paar Bastmatten auf dem Fussboden begannen. Eine der Pionierinnen, Sr. Inge Jansen, ist gesund und fidel immer noch hier tätig. Mit ihrer Erfahrung schenkt sie uns Jüngeren oft eine gesunde Perspektive, wenn sich vieles so langsam zu ändern scheint oder wir bei Rückschlägen oder Problemen entmutigt sind.

Ich, Sr. Rita, komme gerade von der Samstagsmorgenvisite im Krankenhaus. Das kräftige rot der Weihnachtssternbäume leuchtet gegen einen strahlendblauen Himmel. Im Krankenhausinnenhof schieben sich unsere beiden Riesenschildkröten bedächtig zwischen den Angehörigen der Patienten durchs Gras. Wenn unsere Putzmänner in den Stationen in Aktion sind, werden die Angehörigen herausgebeten. Auch für den Visitenablauf ist es einfacher, und vor allem leiser, wenn die Verwandten draußen warten. Auf der Kinderstation bleiben die Mütter bei den Kindern, und wenn wir Patienten haben, deren Dialekt niemand versteht, bitten wir die Begleitperson herein.

Während der Visite werde ich zum Kreissaal gerufen wegen einer Frau mit Zwillingen. Die ganze Nacht war im Kreissaal Hochbetrieb, und ich hatte gehofft, dass die Zwillingsmutter schon entbunden hat. Ziemlich am Ende ihrer Nerven bekniet sie mich doch einen Kaiserschnitt zu machen. Wir einigen uns, es erst mit einem Wehentropf zu versuchen. Ich erinnere sie daran, dass sie ja schon ein Kind normal geboren hat, und das jetzt auch schaffen wird.

Zurück bei der Visite stelle ich fest, dass heute die meisten Patienten gute Laune haben. Sogar das 15jährige Mädchen, das wegen Verwachsungen operiert wurde, lächelt uns an. An den Tagen zuvor hatte sie sich täglich bitterlich über all die Schmerzen nach der Operation beklagt. Morgen darf sie nach Hause. Als Resultat des momentan großen Andrangs an Geburten der letzten Tage liegen in 10 von unseren 19 chirurgischen Betten Mütter nach Kaiserschnitt. Alle sind wohlauf, aber irgendwie haben sich die Neugeborenen verbündet und ein Schreikonzert angefangen. Die Stationsleitung gibt also den lautstarken Befehl, dass alle Mütter augenblicklich ihre Kinder zu stillen haben. Mit weniger Geräuschkulisse setzten wir unsere Visite fort.

Auf dem Gang vor unseren drei Krankensälen hört man das Klappern der Metalltragen, auf denen Notfallpatienten gebracht werden. Eine kurze Beurteilung zeigt, dass keiner der Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand ist, so dass wir erst die Visite weitermachen können. Wir brauchen freie Betten und müssen Platz für die Patienten in den notbetten auf den Fluren finden. Ich erinnere Dr. Hadas, eine meiner vier äthiopischen Kolleginnen, die Wochenendienst hat, bei der Visite mit Entlassungen großzügig zu sein.

An diesem Morgen könne wir 13 unserer 70 Patienten entlassen. Kumil, einer unserer Angestellten, der die Entlassungen abwickelt, berichtet, dass nach allen Versuchen und Verhandlungen um Bezahlung, drei der entlassenen Patienten kein Fahrgeld für die Rückfahrt nach Hause haben, fünf können nach der Anzahlung bei Aufnahme den Restbetrag ihrer Krankenhausrechnung nicht bezahlen. Die Abmachung mit Kumil lautet: den Leuten von weit her, Fahrgeld zu geben und den Rest der Rechnung nachzulassen. Die Kinder und Schwangeren fallen sowieso unter unsere durch Spenden bezuschussten Programme. Die Leute aus der Umgebung sollen versuchen, von zu Hause noch etwas Geld zu organisieren bevor wir ihnen den Restbetrag erlassen.

Als ich auf den Korridor herausgehe, werden gerade noch fünf weitere Patienten per Rollstuhl von ihren Begleitern hereingerollt. Es muss also gerade ein Landrover angekommen sein, der die Patienten unterwegs aufgesammelt hat. Zwei biegen direkt Richtung Kreißsaal ab, die anderen reihen sich ein. Zwei der Patientinnen scheinen Malaria zu haben. Wir werden das mit einem Schnelltest überprüfen, eine davon erbricht und muss aufgenommen werden, die andere kann sicher mit Tabletten nach Hause gehen. Ein kleiner Junge wurde von einem Esel in den Oberschenkel gebissen, und ein älterer Mann hat Zahnweh (zum Glück kann der diensthabende OP-Pfleger Zähne ziehen). Eine junge Frau wird wegen drohender Fehlgeburt aufgenommen. Ein junger Mann liegt mit dicken Bauch (vermutlich voll Wasser) völlig entkräftet auf einer Trage. Auf die Frage warum die Angehörigen einen so chronisch Kranken am Wochenende bringen und nicht zur regulären Arbeitszeit während der Woche erhalten wir die Antwort, dass sie erst heute morgen eine Transportmöglichkeit gefunden haben. Wir werden einen AIDS-Test machen, aber vermutlich hat der Mann einen Leberschaden oder Tuberkulose. Weil sie von weit weg sind, wird er aufgenommen aber wir erwähnen mehrfach, dass es sich um ein chronisches Leiden handelt, und er schon ziemlich schwach ist.

Aus der inneren Abteilung erklingt plötzlich lautet Klagegeschrei. Ich frage eine der Krankenschwestern was los ist. Ein 70-jähriger Mann wurde in der Nacht ohne messbahren Blutdruck mit Fieber und ausgetrocknet aufgenommen. Alle Infusionen und Antibiotika waren zu spät. Auf dem Korridor ziehen die weinenden Angehörigen mit dem in ein weißes Tuch gewickelten Toten vorbei.

Aus dem Kreißsaal hört man ebenfalls Schreie, allerdings ganz anderer Art. Begeistert denke ich, dass also mindestens eine der Frauen gerade entbindet, und schon ist Babygeschrei zu hören.

Am Mittag hat auch die Zwillingsmutter ihre beiden Kinder im Arm. Der Lauf des Lebens, die einen gehen, die anderen beginnen ihren Weg.

Dies als kleiner Einblick in den kurativen Teil unseres Projekts. Für ein komplettes Bild müsste über das erfolgreiche Dorfentwicklungsprogramm, die aktiven Frauengruppen, das umfassende Impf- und Vorsorgeprogramm, unser großes Brunnenprojekt mit 132 Brunnen und neun neuen Brunnen, die durch Spenden in diesem Jahr gebohrt werden konnten, über die Betreuung unserer AIDS-Patienten (1433), das extensive HIV-Screening und Aufklärungsprogramm mit 7213 durchgeführten HIV-Tests im Jahr berichtet werden. Über 65.000 Menschen kommen jährlich in unsere Ambulanz (ca. 250 pro Tag), davon werden 10 % stationär behandelt. 1742 Kinder erblickten das Licht der Welt, 536 davon per Kaiserschnitt.

Ein Lichtblick sind unsere Programme für behinderte Kinder und die Ausbildungshilfe. Regelmäßig kommt ein Spezialteam aus Addis Abeba und versorgt die Poliokinder mit neuen Schienen und Schuhen. Einige dieser Poliokinder konnten in unser Ausbildungsprogramm aufgenommen werden und machen nun eine Ausbildung. Dank großzügiger Spenden werden zur Zeit über 50 Jugendliche gefördert. Sie kommen aus armen Familien oder sind Kinder unserer langjährigen Angestellten, die im schulischen Bereich gute Ergebnisse erzielt haben.

Als Schwesterngemeinschaft sind wir zu fünft in Attat. Neben Sr. Inge Jansen und Sr. Rita Schiffer aus Deutschland engagieren sich Sr. Toni Redito, eine philippinische Ärztin, als Verwaltungsleiterin des Krankenhauses und Sr. Elise Kurisummoottil aus Indien in der Pflegedienstleitung. Unsere äthiopische Mitschwestern, Sr. Nigist Biru, mach als Krankenschwester eine dreijährige Weiterbildung zum „health officer“ (eine Spezialisierung der Krankenschwester in ärztliche Aufgaben).

Verlässt man das Krankenhausgelände von Attat und fährt mit dem Auto über die asphaltierte Straße Richtung Addis Abeba sieht man, wie die Dörfer und kleinen Städte expandieren. Es scheint, dass Äthiopien einen Bauboom durchlebt, überall entstehen Häuser, manche sind sogar mehrstöckige Mietshäuser. Auf halben Weg liegt das St. Lukas Krankenhaus in Wolisso. Dort arbeiten unsere amerikanische Sr. Elaine Kohls als Verwaltungsleiterin und die indische Sr. Pia Poovan als Chirurgin. Im Dezember wird Sr. Pia im Alter von 72 Jahren nach 29 Jahren Wirken in Äthiopien in ihre indische Heimat zurück kehren. Dies ist ein großer Schritt.

Die Hauptstadt Addis Abeba scheint aus allen Nähten zu platzen. Unzählige Gebäude sind im Bau, einschließlich Kaufhäuser und Mietwohnblocks. Neben diesen Neubauten erscheinen die Blechhütten der Armen als krassen Kontrast. Die wachsende Armut der Vielen und steigende Wohlstand der wenigen in Addis ist ein weltweites Phänomen. In der Stadtmitte dieser großen Baustelle leben weitere vier Missionsärztliche Schwestern.

Sr. Walburga berichtet: „Als Koordinatorin der Schwestern in Äthiopien investiere ich einen gro0en Teil meiner Energie für gemeinschaftsinterne Aufgaben. Des weiteren gibt es ständig etwas für Attat zu tun, Besorgungen sind zu koordinieren, Post und Emails zu verwalten. Tausend und eine Bitte werden an mit herangetragen. Als Ausgleich zu den internen Aufgaben engagiere ich mich weiterhin mit Überzeugung und Begeisterung im Pastoralen Leitungsteam der Diözese Addis Abeba. Mein momentanes Lieblingsprojekt ist die Begleitung der EVOL-Gruppe (Eagles Vision of Our Life – Unser Leben aus der Sicht des Adlers betrachtet). Diese Gruppe geht in die Gemeinden und arbeitet dort vor allem mit Jugendlichen in der Bewusstseinsbildung. Themen wie Gesundheit, AIDS-Vorbeugung, Selbstwertgefühl und Umweltbewusstsein werden diskutiert. Da für alles auch immer Geld gebraucht wird, habe ich gemeinsam mit ihnen ein kleines Projekt begonnen, um an Bargeld zu kommen. Unsere Kerzenproduktionsstätte steckt zwar noch in den Kinderschuhen, und es fehlt noch an Vielem aber wir sind guten Mutes. Bei den vielen Stromausfällen in Addis gibt es definitv einen guten Absatzmarkt.

Meine zweite „Ausgleichsbeschäftigung“ sind die vielen Kontakte zu Menschen in der Nachbarschaft aber auch darüber hinaus, die Hilfe brauchen. Eine Hütte droht zusammen zufallen, eine Kranke braucht Hilfe, eine akute Notlage trifft eine Familie und mein Engagement ist gefordert für die Schulausbildung armer Kinder. Wir helfen ca. 30 Kindern mit Unterstützung fürs Schulgeld, Schuluniform und Bücher. Es ist ermutigend zu sehen wie sich die Zensuren der Kinder über die Jahre bessern und damit ihre Ausbildungschancen steigen. Die vier besten unter ihnen haben dieses Jahr von uns ein Englisch-Wörterbuch als Zeichen der Anerkennung bekommen.

Meine Mitschwestern arbeiten in ganz unterschiedlichen Gebieten. Sr. Carol Reed aus den USA engagiert sich an Schulen und Hochschulen im Englischunterricht. Ein besonderer Schwerpunkt ist ihr die Erstellung von guten Lehrmaterial. Sr. Belaynesh Abera, gebürtig aus Addis Abeba, arbeitet auf Diözesanebene als Koordinatorin für Frieden und Gerechtigkeit. Eine weitere äthiopische Mitschwester, Sr. Senait Mengesha, ist im Koordinationsteam eines landesweiten Rückführungsprogrammes für Bettler und Menschen auf der Straße. Das Programm ist überkonfessionell und mit den Regierungsstellen abgestimmt, aber wie man sich leicht denken kann, keine einfache Aufgabe.

Dies alles und vieles mehr wurde und wird möglich durch gemeinsamen Einsatz und Ihre Hilfe. Es ist immer wieder erstaunlich und ermutigend wie viele Menschen uns Ihr Gebet, Ihren Rat, Ihre Unterstützung schenken. Mit großer Dankbarkeit und mit Hoffnung beflügelt, gehen wir mit Ihnen in ein neues Jahr. Gott sorgt wirklich gut für uns und unsere Patienten durch viele gute, wohlmeinende, begeisterte und vor allem auch treue Freunde. Wir versprechen weiterhin gut mit der uns anvertrauten Hilfe umzugehen und möchten Ihnen zusagen, dass wir täglich auch für Sie und Ihre Anliegen beten.

Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und alles Gute für Sie und Ihre Lieben im Neuen Jahr wünschen sehr Dankbarkeit

Ihre Missionsärztlichen Schwesterngemeinschaft

Sr Inge Jansen Sr. Walburga Küpper Sr Rita Schiffer

Danke für Ihr/Euer treues Mitgehen über die Jahre. Das macht Mut, mit guten Wünschen für jeden Einzelnen.

Sr Rita.